Märchen? Illusion? Eine Idee wird Realität

Am Anfang war die Liebe zu einer Liegenschaft in Steckborn. Durch Beharrlichkeit wurde daraus ein Modell für ärztliche Selbsthilfe – und am Ende eine führende Versandapotheke. Eine Reportage aus Gründertagen von Stefan Scheytt. (April 2013)

Wer Menschen aus der Gründungszeit von Zur Rose zu den Anfängen befragt, kann auf bemerkenswerte Äusserungen stossen. Zum Beispiel auf diejenigen von Thomas Schneider, heute Vizepräsident des Verwaltungsrats und einer der 20 Gründer des Unternehmens. Der Allgemeinarzt mit Praxis in Tägerwilen im Kanton Thurgau sagt: «Zur Rose wollte nie das werden, was sie heute ist. Es gab keine Vision, dass man so etwas Grosses realisieren könnte, es war eher eine Illusion.» Alfred Muggli, ebenfalls Arzt und erster Verwaltungsratspräsident, holt einen Artikel hervor, den er Ende 1993, wenige Monate nach der Gründung, im «Journal» der Ärztekasse veröffentlicht hatte. Der Bericht trägt den Titel: «Die Rose – ein wahres Märchen». Interessant daran ist, dass Alfred Muggli allein schon die Gründung märchenhaft erschien, während Thomas Schneider der dann folgende steile Aufstieg wie eine Illusion vorkommt. Märchen, Illusion? Wie häufig bei Unternehmen, die nicht aus einer Fusion hervorgingen, sondern aus einem kleinen Kern zu ungeahnter Grösse wuchsen, stehen am Anfang vor allem die Mühen der Handelnden, die vor lauter realer Hürden kaum Musse für Visionen haben.

Die Geschichte von Zur Rose beginnt, wie ihr Mitgründer Walter Oberhänsli selbst sagt, «trivial»: Für sein frisch gekauftes barockes Fachwerkhaus mit Namen Zur Rose im Zentrum der Thurgauer Kleinstadt Steckborn sucht der Anwalt Ende der 1980er-Jahre einen Mieter, und er hat sich in den Kopf gesetzt, dass es eine Apotheke sein soll. So will Oberhänsli der Immobilie einen neuen Sinn geben und seinem Wohnort wieder zu einer eigenen Offizin verhelfen. Doch beim Apothekergrossisten Galenica holt er sich eine Abfuhr: Steckborn sei viel zu klein und liege zudem in einem Selbstdispensationsgebiet.

Für Walter Oberhänsli hätte das der erste Anlass sein können, von seiner Idee abzulassen. Er hätte eine Bäckerei oder ein Restaurant oder eine Versicherungsagentur als Mieter suchen können.

Standeseigene Selbsthilfeorganisation
Stattdessen trifft er sich im «Adler» mit Ärzten aus der Gegend um Steckborn in einer Fortbildungsgruppe, der auch Oberhänslis Hausarzt Alfred Muggli angehört, seinerzeit Präsident der Thurgauer Ärztegesellschaft. Im «Adler» bestärken sich die Ärzte regelmässig in ihrer Ablehnung des Kartells der Pharmafirmen, die ihre Medikamente nur zu Festpreisen abgeben; tatsächlich haben die Doktoren deshalb schon 1985 eine standeseigene Apotheke gegründet – freilich «nur als Aktennotiz», wie Alfred Muggli lächelnd bemerkt. Doch Anwalt Oberhänsli gibt den entscheidenden Impuls: In der Rechtsform einer Aktiengesellschaft könnte die Apotheke Genussscheine an ihre Aktionäre ausgeben und so das Rabattverbot des Kartells ganz legal umgehen; gleichzeitig bildeten die Bestellungen der Ärzte das gesuchte zweite Standbein für die Apotheke. «Im Grunde keine weltbewegende Idee, sie lag in der Luft, und ich war eben der Katalysator», sagt Oberhänsli.

Die 20 benötigten Ärzte als Gründungsaktionäre für die standeseigene Selbsthilfeorganisation zu gewinnen – jeder zeichnet 10 000 Franken –, gelingt durch Alfred Mugglis Einsatz. Doch fast drei Jahre lang suchen er und Oberhänsli vergeblich nach einem Schweizer Apotheker. Mindestens ein Dutzend Pharmazeuten lassen sich das Projekt präsentieren – um dann aus standespolitischer Raison abzusagen.

Und wieder hätte Walter Oberhänsli das Handtuch werfen können. «Ich persönlich hätte in diesem aufreibenden Prozess wohl aufgegeben», gesteht Alfred Muggli heute, «aber Oberhänsli blieb hartnäckig, ja stur.»

Die Idee zieht Kreise
Mit der Ausnahmebewilligung der Kantonsregierung findet sich schliesslich ein deutscher Apotheker. Oberhänsli erwirkt, dass dem Mann nicht die Mitgliedschaft im Schweizerischen Apothekerverein verwehrt wird. So wie er später mit einem Rechtsgutachten und dem Entwurf einer Klageschrift die Hersteller zwingt, Zur Rose zu beliefern. «Wir haben das Kartell zu Fall gebracht», sagt er sichtlich zufrieden. Im Rückblick muss man wohl sagen, dass es zunächst eines engagierten Anwalts bedurfte, um Zur Rose aufs Gleis zu setzen.

Dann erst ist auch Oberhänslis unternehmerischer Ehrgeiz wirklich gefragt. Denn schon bald nach der ersten Ärztebelieferung im Juni des Gründungsjahrs 1993 zieht die Idee Kreise. In Steckborn sitzt in einer Büro-Wohnung über der Offizin Daniela Kieber-Huber, heute Leiterin Verkaufsinnendienst Ärztegrossist, damals die sechste Mitarbeiterin von Zur Rose, und versucht, der wachsenden Bestellungen immer neuer Ärzte-Aktionäre Herr zu werden. Die Ware kommt – bereits gerüstet – per Nachtzug aus dem Tessin, in Steckborn wird sie auf die Touren verteilt, und manchmal, erinnert sich Daniela Kieber-Huber, wurde die Ware noch durchs Fenster zu den Fahrern hinuntergereicht. Später mietet man Räume einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik dazu, aber die Enge bleibt ein ständiger Begleiter. «Alles ging damals per Handdistribution! Undenkbar heute», sagt sie kopfschüttelnd.

Ein weiterer Schub stellt sich ein, als die apothekernahe Galenica mit dem Kauf gleich aller der drei damals führenden Ärztelieferanten in die Ärztebelieferung einsteigt und der jungen Konkurrentin Zur Rose die Ärzte «scharenweise» zutreibt – «low hanging fruits», kommentiert Daniela Kieber-Huber. Parallel macht der Newcomer Werbung bei Ärzten in den Nachbarkantonen. «Wir mussten immer wieder Kapitalerhöhungen durchführen und zigmal den Notar holen», erinnert sich Alfred Muggli amüsiert. Auch die Ärzteföderation FMH wird Aktionärin, und Muggli erlebt bei der Vorstellung von Zur Rose auf einer Klausurtagung der FMH «eine Welle der Begeisterung». «Am Anfang ist mir Zur Rose zu schnell gewachsen», gesteht Daniela Kieber-Huber, «heute weiss ich, dass mir nichts Besseres passieren konnte als eine Firma, die so viel Drive hat.»

What’s next?
Für Drive ist gesorgt. Der Umsatz steigt von 2.5 Millionen Franken im ersten Betriebsjahr auf knapp 60 Millionen im Jahr 1998, die Zahl der Aktionärinnen und Aktionäre im gleichen Zeitraum von 20 auf mehr als 400. Aber Walter Oberhänsli wird unruhig, wie er sagt: «Gegen Ende der 1990er-Jahre merkten wir, dass das Geschäftsmodell an seine Grenzen stösst, dass sich der Schwung der Anfangsjahre nicht ewig fortsetzen würde. Und dann war eben die Frage: What’s next?» Es folgen 1999 der Umzug nach Frauenfeld mit dem neuen modernen Logistikzentrum, 2001 der Start des Medikamentenversands an Patienten über die Versandapotheke, später der Eintritt in den deutschen und österreichischen Markt und 2012 schliesslich die Übernahme der Versandapotheke DocMorris. «Ich hatte es 1993 nicht zu träumen gewagt, aber heute sind wir dem Ziel, eine Milliarde Franken Umsatz zu erwirtschaften, sehr nah», meint Walter Oberhänsli, der seit 2005 das CEO-Amt innehat.

Er wohnt immer noch in Steckborn und fährt täglich an dem rot-weissen Fachwerkhaus mit der Offizin im Erdgeschoss vorbei. «Der Umsatz ist passabel, sie trägt sich. Ich habe eine wahnsinnig starke Bindung zu dem Haus und zu dem Namen. Die Apotheke ist immer noch der Stammsitz des Unternehmens», sagt Walter Oberhänsli.

Auch Alfred Muggli, Inhaber der Zur Rose-Aktien 1 bis 8, kommt regelmässig an der Apotheke vorbei, sie liegt nur wenige Gehminuten von seiner Wohnung und seiner ehemaligen Praxis entfernt, in der inzwischen sein Nachfolger Patienten versorgt. Alfred Muggli trat 1997 als Verwaltungsratspräsident zurück, weil er Kantonsarzt wurde. «Vielleicht war das sogar gut für Zur Rose», sinniert Muggli, «denn die weitere Expansion hat dann eine Grösse angenommen, für die ich mit meinen Fähigkeiten als Arzt wohl nicht mehr der Richtige gewesen wäre. Aber Zur Rose ist immer noch ein bisschen meine Apotheke.»

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Stefan Scheytt ist freier Journalist in Rottenburg bei Tübingen in Deutschland.

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